KI Klub Werder e.V.

KI übernimmt Aufgaben, nicht deinen Sinn – Rückblick auf den KI Klub Werder vom 21. September

KI übernimmt Aufgaben, nicht deinen Sinn – Rückblick auf den KI Klub Werder vom 21. September

Dmitri Steiz zeigte beim KI Klub Werder, dass die Angst vor der Maschine 200 Jahre alt ist – und was aktuelle Arbeitsmarktzahlen tatsächlich sagen.

•6 Min. Lesezeit

Am 21. September kamen 25 Menschen vor Ort und 5 online in der Klimawerkstatt Werder zusammen, um mit Dmitri Steiz, Gründer von Landwirt.ai, über die Frage des Abends zu sprechen: Was macht KI mit uns und unseren Jobs?

Dmitri war vielen im Raum kein Fremder – er hat mit Tim im Digitalwerk Werder zusammengearbeitet, bevor er sich mit Landwirt.ai selbstständig gemacht hat. Heute entwickelt er KI-Lösungen für landwirtschaftliche Betriebe, gefördert von EU und Land Brandenburg. Genau diese Mischung aus Historiker-Ausbildung und unternehmerischer Alltagserfahrung mit KI prägte den Abend.

Dmitri Steiz steht neben der Leinwand mit der Abschlussfolie „Zum Mitnehmen" und beantwortet Fragen aus dem Publikum. Die Hausaufgabe zum Schluss: Sinn und Zweck der eigenen Arbeit formulieren, alle Tätigkeiten auflisten, dann prüfen, welche davon KI übernehmen kann.

Die Angst vor der Maschine ist 200 Jahre alt

Dmitri eröffnete mit einem Ratespiel: Von wann stammen Schlagzeilen wie „Die Roboter kommen" oder „Maschinelle Kunst ersetzt menschliche Intelligenz und Seele"? Die Antworten überraschten den Raum. Eine Karikatur mit dem Titel „The March of Intellect" ist von 1828. Der Text „Darwin Among the Machines", der vor einer dem Menschen überlegenen Maschinenintelligenz warnt, erschien 1863 in Neuseeland. Der Dirigent John Philip Sousa warnte 1906 vor dem Phonografen unter dem Titel „The Menace of Mechanical Music". Und die Befürchtung, „denkende Maschinen" würden uns überflüssig machen, stand schon 1949 in einer noch heute erscheinenden Zeitung.

Die Reaktion darauf ist ebenfalls alt: Die Ludditen zerschlugen im 19. Jahrhundert Webstühle, 1975 sabotierten Angestellte der Washington Post neue Druckmaschinen, 1995 zertrümmerte jemand in New York einen PC mit einem Vorschlaghammer. Die Sorge, dass uns Maschinen die Arbeit wegnehmen, ist so alt wie der technologische Fortschritt selbst.

Was die Zahlen der vergangenen 150 Jahre zeigen

Statt bei der Angst stehen zu bleiben, hat Dmitri auf die Arbeitsmarktdaten geschaut. Sein nüchterner Befund: Das Ende der Arbeit ist bislang nicht eingetreten. Der Arbeitsmarkt ist insgesamt gewachsen – bei einer massiven Verschiebung zwischen den Sektoren, von der Landwirtschaft über die Industrie in den Dienstleistungssektor. In der Landwirtschaft selbst ist die Beschäftigtenzahl gesunken, während die Produktivität laut den im Vortrag zitierten Schätzungen um den Faktor 35 bis 40 gestiegen ist.

Auch aktuelle Studien, etwa des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, sehen für die kommenden 15 Jahre eher einen weiteren Strukturwandel als einen breiten Beschäftigungseinbruch – mit Wachstum bei Informationsdienstleistern und IT, während es bei bestimmten Unternehmensdienstleistungen weniger werden könnte. Und: Zu Beginn der aktuellen KI-Transformation steigt laut Dmitri der Arbeitskräftebedarf sogar zunächst, weil Rechenzentren gebaut, Daten aufbereitet und Anwendungen entwickelt werden müssen.

Eine aktuelle Bitkom-Studie, die Dmitri eine Woche vor dem Vortrag vorgestellt wurde, unterstreicht das: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland künstliche Intelligenz. Nur noch 4 Prozent sagen, KI sei kein Thema für sie, 9 von 10 halten sie für die wichtigste Zukunftstechnologie, und 4 von 5 Unternehmen sehen darin vor allem eine Chance. Unternehmen, die KI bereits einsetzen, sind dabei doppelt so oft zuversichtlich, dass es mehr Jobs geben wird, wie Unternehmen, die noch abwarten.

KI übernimmt Aufgaben, nicht den Sinn deiner Arbeit

Die zentrale These des Abends war weniger eine Zahl als eine Unterscheidung: KI übernimmt Aufgaben – aber der Sinn und Zweck der Arbeit bleibt. Dmitri machte das an drei Beispielen fest, die aus dem Publikum sofort Zustimmung bekamen:

  • Ärztinnen und Ärzte: Wenn KI die Dokumentation übernimmt, bleibt mehr Zeit für das, worum es eigentlich geht – sich um Patientinnen und Patienten zu kümmern.
  • Landwirtinnen und Landwirte: Die Ansprechperson vor Ort, die für die Berufskolleginnen und -kollegen da ist, nimmt einem keine KI ab – zumindest nicht in absehbarer Zeit.
  • Entwicklerinnen und Entwickler: Code schreiben, debuggen, testen sind Tätigkeiten. Der Zweck liegt darüber: Probleme lösen und etwas bauen, das Menschen wirklich hilft.

Sein Appell: sich zu fragen, warum man etwas tut und wofür – nicht abstrakt, sondern ganz praktisch. Die „Hausaufgabe" für alle im Raum stand am Ende auf der Leinwand: Sinn und Zweck der eigenen Arbeit formulieren, alle Tätigkeiten auflisten, dann prüfen, welche davon KI übernehmen kann.

Die Diskussion: Qualitätskontrolle, Verantwortung, Grenzen

Nach dem Vortrag wurde es praktisch. Mehrere Stimmen aus dem Publikum berichteten, wie sie KI-Ergebnisse gegenprüfen – etwa indem sie eine zweite KI als Gegencheck nutzen, ein „Council of Experts" aus mehreren Modellen. Andere warnten vor einem Verlust an Grundkompetenz: Wer nie gelernt hat, ein strukturiertes Dokument ohne KI zu erstellen, kann am Ende auch nicht mehr beurteilen, ob das KI-Ergebnis überhaupt gut ist.

Einig war sich der Raum, dass die Verantwortung beim Menschen bleibt – wer eine KI-generierte Information weiterverwendet, haftet dafür weiterhin selbst, genauso wie vorher. Offen und kontrovers blieb dagegen die Frage nach KI-generierter Kunst und Musik: Kann ein Modell, das im Kern Wahrscheinlichkeiten fortschreibt, den unwahrscheinlichen, echten kreativen Bruch überhaupt hervorbringen? Und aus dem Publikum kam auch die deutlich ernstere Sorge vor Kontrollverlust bei einer möglichen Superintelligenz – eine Sorge, die zuletzt auch von Forschenden und aus der KI-Industrie selbst geäußert wurde. Dmitri hat diese Sorge nicht kleingeredet, aber klar unterschieden: Sie beschreibt ein anderes Risiko als die tägliche Frage, ob der eigene Job in den nächsten Jahren verschwindet.

Der Takeaway

  1. Die Job-Angst vor neuer Technologie ist alt – und bislang hat noch keine der früheren Wellen zum „Ende der Arbeit" geführt.
  2. KI-Kompetenz senkt nachweislich die Sorge. Wer sich mit KI beschäftigt, blickt zuversichtlicher auf die eigene Zukunft als wer es nicht tut.
  3. Die entscheidende Frage ist nicht „Was macht KI mit meinem Job", sondern „Was ist der Sinn meiner Arbeit – und was davon kann KI mir abnehmen?"

Die Folien zum Abend

Dmitri Steiz von Landwirt.ai hat uns seine Präsentation zur Verfügung gestellt. Hier kannst du dich durch alle Folien des Abends klicken – herzlichen Dank, Dmitri!

Folien: Dmitri Steiz, Landwirt.ai.


Zurück zum Blog · Alle Veranstaltungen