Am 20. Juli 2026 ging es beim KI Klub Werder um eine Frage, die in der aktuellen KI-Euphorie oft zu kurz kommt: Wann ist KI wirklich nachhaltig, und wann verschiebt sie Kosten nur an andere Orte?
Unter dem Titel „KI im Strategie-Check: Ressourcen-Investition vs. nachhaltiger Ertrag“ nahm Eddie den Klub mit durch einen bewusst breiten Blick auf Künstliche Intelligenz: von Nachhaltigkeitsmodellen und ESG über Rechenzentren, Wasserverbrauch, Trainingsdaten und Arbeitswelt bis zu konkreten positiven Anwendungen in Landwirtschaft, Medizin, Energie, Bildung und Alltag.
Kleine Runde, große Fragen: KI im Strategie-Check in der Klimawerkstatt Werder.
Eine kleine Runde mit einem großen Thema
Es war eine kleine und feine Runde in der Klimawerkstatt. Genau das passte gut zum Thema. Statt eines reinen Frontalvortrags entstand ein Abend, an dem viele Fragen direkt im Raum landen konnten: Was kostet KI wirklich? Welche Art von Nutzen rechtfertigt den Einsatz? Wo hilft KI konkret, und wo produziert sie nur neue Abhängigkeiten?
Am Ende gab es eine lebendige Diskussionsrunde mit vielen Fragen und Anregungen. Besonders schön war, dass viele neue Gesichter dabei waren. Der Klubabend fühlte sich dadurch wieder genau so an, wie wir ihn uns wünschen: offen, neugierig und konkret genug, damit man mit eigenen Gedanken nach Hause geht.
Nachhaltigkeit heißt mehr als „weniger Strom“
Eddie begann nicht bei GPUs oder Prompts, sondern bei den Grundlagen nachhaltiger Entwicklung. Die Brundtland-Definition war dabei ein guter Anker: Nachhaltig ist eine Entwicklung, die heutige Bedürfnisse erfüllt, ohne künftigen Generationen ihre Möglichkeiten zu nehmen.
Von dort aus ging es zu den bekannten Modellen: dem Drei-Säulen-Modell mit Ökologie, Wirtschaft und Sozialem, dem Vorrangmodell, den Sustainable Development Goals und dem ESG-Blick auf Environment, Social und Governance. Wichtig war dabei die doppelte Materialität: Unternehmen und Organisationen müssen einerseits betrachten, wie ihr Handeln Gesellschaft und Umwelt beeinflusst, andererseits aber auch, welche finanziellen Risiken und Chancen daraus für sie selbst entstehen.
Für KI bedeutet das: Eine Anwendung ist nicht automatisch nachhaltig, nur weil sie digital ist oder effizient wirkt. Sie muss entlang der ganzen Wertschöpfungskette betrachtet werden.
Die negative Seite: Ressourcen, Rechte und Verantwortung
Ein großer Teil des Vortrags schaute auf die Kosten, die in der normalen KI-Debatte oft unsichtbar bleiben. Die Wertschöpfungskette beginnt nicht beim Chatfenster, sondern bei Rohstoffen, Chips, Servern, Rechenzentren, Cloud-Betrieb, Datensammlung, Modelltraining, Produktintegration, Nutzung und späterem Hardwaretausch.
An jeder Stelle entstehen ökologische und soziale Fragen: seltene Erden, Kupfer, Elektroschrott, Strom, Kühlung, Wasserverbrauch, CO2e-Emissionen, warme Kühlwassereinleitungen, Standortkonflikte, Lichtverschmutzung und die Belastung lokaler Ökosysteme. Besonders eindrücklich waren die Folien zu Rechenzentren: Der weltweite Stromverbrauch steigt stark, KI-spezifische Rechenzentren kommen zusätzlich zu bestehenden Cloud- und Kryptoinfrastrukturen hinzu.
Auch Wasser wurde sehr konkret. Das Beispiel Santiago de Chile zeigte, dass KI-Wasserverbrauch kein abstrakter globaler Durchschnitt ist, sondern ein lokales Verteilungsproblem werden kann. Wenn ein Rechenzentrum Millionen Liter Wasser pro Tag zur Kühlung benötigt, trifft diese Entscheidung auf reale Regionen, reale Dürren und reale Interessenkonflikte.
Dazu kamen die menschlichen und rechtlichen Seiten des Modelltrainings: Clickarbeit unter prekären Bedingungen, psychische Belastungen, offene Fragen zu Urheberrechten und die merkwürdige Praxis, Bücherbestände für Trainingszwecke aufzukaufen oder nach Nutzung zu zerstören. Der Punkt war nicht, KI pauschal abzulehnen. Der Punkt war, die verborgenen Kosten nicht aus dem Blick zu verlieren.
Die positive Seite: Potenziale und Chancen
Der Abend blieb aber nicht bei der Kritik stehen. Eddie zeigte auch, wo KI echten nachhaltigen Ertrag schaffen kann. Gerade dieser Wechsel war stark: dieselbe Technologie, die Ressourcen verbraucht, kann an anderer Stelle helfen, Ressourcen zu sparen, Versorgung zu verbessern oder Zugang zu Wissen zu öffnen.
In der Landwirtschaft ging es um regenerative und präzise Verfahren: KI kann bei der Auswertung von Feld- und Satellitendaten helfen, Nutzpflanzen von Unkraut unterscheiden und Herbizid-Einsatz reduzieren. Im Recycling können KI-basierte Sortiertechnologien bessere Kreisläufe ermöglichen. In der Luftfahrt wurde Kondensstreifenvermeidung genannt, mit dem Beispiel deutlich reduzierter Kondensstreifen.
Auch im Gesundheitsbereich wurden die Chancen sehr konkret: AlphaFold hat Proteinstrukturen in riesigem Maßstab zugänglich gemacht und beschleunigt Forschung und Medikamentenentwicklung. Beim Mammographie-Screening kann KI helfen, mehr Brustkrebsfälle zu erkennen und Radiologinnen und Radiologen Zeit zu sparen. Bei Sepsis-Früherkennung geht es sogar direkt um Überlebenschancen.
Weitere Beispiele kamen aus Energie und Bildung: KI-gestützte Stromnetzsteuerung kann erneuerbare Energien besser integrieren und Schwankungen ausgleichen. Lernhilfen, virtuelle Tutoren und Rechercheassistenten können Zugang zu Bildung verbessern. Und Anwendungen wie Be My Eyes, Live-Übersetzung oder Carbonalyser zeigen, dass KI im Alltag sowohl Teilhabe ermöglichen als auch die eigene digitale Nutzung sichtbarer machen kann.
Wo bleibt der Mensch?
Ein besonders wichtiger Teil des Vortrags drehte sich um Arbeit. Die Folien waren hier angenehm unbequem: Wissensarbeit und kreative Berufe stehen unter Druck. Genannt wurden unter anderem Texterinnen, Coaches, Programmierer, Autorinnen, Ingenieure, Grafikerinnen, Musiker, Influencer und Übersetzerinnen.
Die Zahlen aus den Folien machten klar: Es geht weniger um ein einfaches „KI ersetzt alle“, sondern um Transformation. Viele Tätigkeiten werden teilweise automatisierbar, Jobprofile verschieben sich, Routinen wandern zu KI-Systemen. Für manche Rollen bedeutet das Entlastung, für andere echten Druck. Besonders bei administrativen Bürotätigkeiten, Übersetzung, Text, Kundenservice oder bestimmten digitalen Produktionsrollen wird sich Arbeit stark verändern.
Eddies Gegenüberstellung von Wunschvorstellung und Realität war dabei wichtig. In der Wunschvorstellung übernehmen Menschen stärker Präzisierung, Kontext, Strategie, Architektur, Review, Markenverständnis und Beziehung. In der Realität gibt es aber auch Tech-Entlassungen, Kostendruck und Rollen, die tatsächlich reduziert oder ersetzt werden. Genau deshalb braucht die Debatte Ehrlichkeit.
Was hilft: Lernen, Rollen entwickeln, Verantwortung behalten
Zum Schluss ging es um Lösungsansätze. Genannt wurden unter anderem Bildungsgutscheine, Fördermöglichkeiten für Weiterbildung und das Qualifizierungschancengesetz. Noch wichtiger war aber der Gedanke der Mensch-KI-Rollenentwicklung: Arbeit soll nicht einfach verdrängt werden, sondern im Zusammenspiel mit KI produktiver, reflektierter und menschlicher werden.
Für Organisationen heißt das: KI-Projekte brauchen nicht nur Tools, sondern auch Weiterbildung, klare Verantwortlichkeiten, saubere Kriterien und Raum für Diskussion. Für Einzelne heißt es: KI-Kompetenz wird Teil beruflicher Selbstverteidigung, aber auch eine Chance, Routinen abzugeben und stärker an Urteilskraft, Kontext und Qualität zu arbeiten.
Über Eddie
Eddie, auf seiner Website als Edgar Wentzlaff von EUU.ROCKs präsent, bringt genau die richtige Perspektive für so ein Thema mit: Softwarearchitektur, Enterprise-Systeme, Cloud-Native-Architekturen, DevOps und der Anspruch, hochwertige und nachhaltige IT-Lösungen zu bauen.
Das merkte man dem Abend an. Es ging nicht um KI als Showeffekt, sondern um Architektur, Verantwortung und Wirkung. Also um die Fragen, die wichtiger werden, je normaler KI im Arbeitsalltag wird.
Was bleibt
Der Abend hat gezeigt, dass Nachhaltigkeit bei KI nicht nur eine Energiefrage ist. Es geht um die ganze Kette: Rohstoffe, Rechenzentren, Wasser, Daten, Rechte, Arbeit, Bildung, Verantwortung und konkrete Wirkung.
Für den KI Klub war es ein schöner, konzentrierter Abend mit neuen Stimmen im Raum und einer Diskussion, die gern noch länger hätte weitergehen können. Und vielleicht war genau das der wichtigste Punkt: KI nachhaltig zu nutzen heißt nicht, einfache Antworten zu haben. Es heißt, die richtigen Fragen gemeinsam zu stellen.
Die Folien zum Abend
Wer die wichtigsten Gedanken aus Eddies Vortrag noch einmal nachvollziehen möchte, kann sich hier durch die Folien des Abends klicken: von den Grundlagen nachhaltiger Entwicklung über ESG und doppelte Materialität bis zur KI-Wertschöpfungskette, ihren Umweltauswirkungen, konkreten Potenzialen und der Frage, wie Menschen mit KI gut arbeiten können.
Nächstes Treffen: KI-Ideenschmiede
Am 17. August 2026 geht es weiter mit der KI-Ideenschmiede. Alle sind eingeladen, eigene Ideen, Fragen und Projekte mitzubringen, egal ob als Einsteigerin, Entwickler, Unternehmerin, Kreativer oder einfach neugieriger Mensch.