Am 15. Juni 2026 war Heinz W. Richter zu Gast beim KI Klub Werder. Sein Vortrag trug einen Titel, der sofort hängen blieb: „5 Tage statt 50“. Gemeint war nicht ein kleines Experiment, sondern der Aufbau einer echten Wetter- und Klimaplattform: worldweathernews.com.
Die wichtigste Botschaft des Abends war dabei angenehm unromantisch. Heinz erzählte nicht von KI als Zauberstab, der aus einer groben Idee automatisch ein fertiges Produkt macht. Er zeigte das Gegenteil: KI kann enorm beschleunigen, aber nur wenn ein Mensch die Richtung hält, Entscheidungen bewusst trifft und den Arbeitsprozess diszipliniert führt.
Die Folien zum Durchklicken
Heinz hat uns seine Folien zur Verfügung gestellt.
KI ersetzt nicht das Vorgehen
Ein zentraler Punkt war der Vergleich zwischen klassischer Softwareentwicklung und KI-gestützter Entwicklung. Früher schrieb der Mensch den Code. Mit Claude Code kann die KI große Teile davon übernehmen. Aber die Verantwortung verschiebt sich nicht vollständig zur Maschine.
Heinz formulierte es über mehrere Folien hinweg sehr klar: KI schreibt Code, der Mensch reviewt. Aus „Specs vor Code“ wird „Specs vor Prompts“. Aus dem klassischen PR-Review zwischen Entwicklern wird ein Review zwischen Maintainer und KI. Die Test-Suite bleibt Qualitätsanker, wird aber ergänzt durch die Prüfung von KI-Output.
Genau darin lag die Relevanz des Vortrags. Viele Diskussionen über KI-Coding bleiben bei der Frage stehen, ob die KI „gut genug“ programmiert. Heinz drehte die Perspektive: Entscheidend ist nicht nur, was Claude kann. Entscheidend ist, wie gut der Mensch die Arbeit rahmt.
Plan vor Prompt
Die erste goldene Regel des Abends war schlicht: Plan vor Prompt.
Das klingt banal, war im Vortrag aber sehr konkret. Heinz zeigte, dass die eigentliche Geschwindigkeit nicht aus spontanen Chat-Eingaben entsteht, sondern aus Vorarbeit: Entscheidungen, Roadmap, Architektur, Regeln, wiederverwendbare Dokumente.
Besonders prägnant war seine kleine Dokumentationsarchitektur:
status-snapshot.mdals Wiedereinstiegspunkt: Wo steht das Projekt gerade?decisionsals Begründungsschicht: Warum wurde etwas so entschieden?roadmapals Arbeitsplan: Was passiert wann und in welcher Reihenfolge?CLAUDE.mdals Spielregel-Datei: Wie soll Claude im Projekt arbeiten?
Das ist kein Papierkram aus Prinzip. Es ist Kontextmanagement. Wenn KI-Systeme schnell Code erzeugen, wird Kontext zum Engpass. Wer nicht sauber dokumentiert, verliert nicht nur den Überblick, sondern gibt der KI beim nächsten Schritt schlechtere Arbeitsbedingungen.
18 Entscheidungen vor der ersten Frontend-Zeile
Ein Satz aus der Präsentation fasst den Abend gut zusammen: 18 Entscheidungen vor der ersten Frontend-Zeile.
Heinz zeigte, dass ein Tag konzentrierte Architekturarbeit mehrere Tage Refactoring-Schmerz verhindern kann. Vor dem eigentlichen Bau standen Fragen wie:
- Welche Topologie braucht die Plattform?
- Welche Datenquellen sind sinnvoll?
- Was läuft im Frontend, was im Backend, was in Workern?
- Welche Infrastruktur ist bezahlbar und kontrollierbar?
- Welche Teile müssen versioniert, beobachtet und getestet werden?
Gerade die Infrastrukturentscheidung war greifbar. Heinz hatte Google Cloud geprüft und dann bewusst anders entschieden. Bei seiner Rechnung machte eine einzelne Architekturentscheidung ungefähr 3.000 Euro pro Jahr Unterschied. Die KI hat diese Entscheidung nicht für ihn getroffen. Sie hat geholfen, Trade-offs sichtbar zu machen.
Das war eine der stärksten Stellen des Abends: KI ersetzt Architektururteil nicht. Sie macht gutes Urteil aber schneller nutzbar, wenn man sie richtig einsetzt.
Forschungsmodus statt blindem Vertrauen
Die zweite goldene Regel lautete sinngemäß: Claude Code arbeitet im Forschungsmodus und committet erst nach expliziter Freigabe.
Auch das ist eine wichtige Korrektur an der üblichen Vibe-Coding-Erzählung. Heinz ließ Claude nicht einfach machen und schaute später, was passiert war. Der Workflow war kontrollierter:
- Branch anlegen.
- Umsetzung in mehreren Commits.
- Vor jedem Commit den Maintainer fragen.
- Bei Freigabe committen oder nachbessern.
- Push erst nach explizitem Signal.
So entsteht Geschwindigkeit, ohne die Bremse auszubauen. Claude darf viel vorbereiten, recherchieren und umsetzen. Aber die Entscheidung über den nächsten verbindlichen Schritt bleibt beim Menschen.
Die Stolpersteine waren fast wichtiger als die Erfolge
Besonders wertvoll waren die Stellen, an denen Heinz nicht nur zeigte, was gut lief. Er zeigte auch, was schiefging.
Ein falsch dokumentierter Scope führte in die falsche Richtung. Ein Backend wirkte „offline“, obwohl der eigentliche Fehler woanders lag. Eine Recherche fand nicht das, was wirklich gesucht wurde. Solche Momente sind im Alltag mit KI-Coding fast unvermeidlich.
Die Lehre daraus war nicht: KI ist unzuverlässig, also lieber lassen. Die Lehre war präziser: KI weiß viel, manchmal weiß sie etwas falsch und oft merkt sie es nicht selbst.
Deshalb braucht der Prozess Gegenmittel:
- Stolpersteine festhalten, statt sie nur zu erleiden.
- Entscheidungen nicht still ändern.
- Tests, Linter und Pre-Commit-Hooks ernst nehmen.
- Web-Recherche bewusst in die Session holen, wenn aktuelles Wissen gebraucht wird.
- Architekturentscheidungen nachvollziehbar dokumentieren.
So wird aus „die KI hat sich verrannt“ ein lernender Projektprozess.
Was sich wirklich beschleunigt
Die Zahl „5 Tage statt 50“ ist natürlich attraktiv. Aber der Abend machte deutlich: Die Beschleunigung entsteht nicht überall gleich.
KI hilft stark bei Umsetzung, Varianten, Refactoring, Dokumentationsentwürfen, Testideen, Recherche und beim schnellen Durcharbeiten technischer Optionen. Sie hilft weniger, wenn Entscheidungen unklar bleiben, Ziele ständig wechseln oder niemand prüft, ob das Ergebnis wirklich passt.
Heinz zeigte damit ein Muster, das gerade für viele kleine Teams, Selbstständige und Community-Projekte relevant ist: KI-Coding ist nicht nur ein Entwicklerwerkzeug. Es ist ein Organisationswerkzeug. Wer allein oder in kleinen Teams arbeitet, kann plötzlich Architektur, Umsetzung, Dokumentation und Review enger zusammenziehen. Aber das funktioniert nur, wenn die Arbeitsweise mitwächst.
Die fünf Takeaways
Aus dem Abend blieben fünf Punkte besonders hängen:
- KI verstärkt Disziplin. Hat sie keine, verstärkt sie Chaos.
- Plan vor Prompt. Die Struktur entsteht nicht während des Tippens.
- Stolpersteine sind echte Lernmittel. Sie müssen sichtbar bleiben.
- Disziplin heißt nicht langsam. Sie verhindert spätere Umwege.
- KI ersetzt kein Engineering. Sie verändert, wie Engineering gemacht wird.
Für den KI Klub Werder war das ein starker Praxisabend, weil er das Thema KI-Coding aus der Demo-Ecke herausgeholt hat. Nicht „Schaut mal, was Claude alles kann“, sondern: „So muss ich arbeiten, damit Claude wirklich nützlich wird.“
